Deutschland-Argentinien oder der Tanz auf dem Vulkan

Es ist also entschieden: im Endspiel der diesjährigen Fußball-Weltmeisterschaft wird Deutschland auf Argentinien treffen. Diese Konstellation weckt ganz besondere Erinnerungen in mir. Ein Aufeinandertreffen beider Mannschaften gab es nämlich bereits bei der WM 2006; am 30. Juni trafen beide Mannschaften im Viertelfinale aufeinander. Deutschland gewann die Partie nach Elfmeterschießen, aber das soll hier nichts zur Sache tun. Es soll hier nämlich nur am Rande um Fußball gehen.

Zu diesem Zeitpunkt war ich in Südamerika, genauer gesagt im Norden Chiles. Ich habe dieses Fußballspiel an einem der unwirklichsten Orte dieser Erde erlebt, nämlich mitten in der Atacama-Wüste. Dieser Moment war einer der vielen dieser Reise, die sich unwiderruflich in mein Gedächtnis eingebrannt haben. Erinnerungen an den 30. Juni 2006 aus meinem Reisetagebuch.

 

Frühmorgens geht es los; um halb Fünf werden wir von unserem Fahrer abgeholt. Wir haben uns sozusagen mächtig in Schale geworfen: alle Kleidung, die halbwegs wärmend ist, tragen wir am Leib, denn es ist bitterkalt. Und da, wo wir hin wollen, wird es noch kälter sein. Wir verlassen San Pedro de Atacama gen Norden, auf einer gut geschotterten Straße. Hinter dem Ortsende erwartet uns die völlige Dunkelheit. Links und rechts von uns muss so etwas wie Landschaft sein, doch es ist derartig stockfinster, dass man nur die paar Meter im Scheinwerferlicht vor uns sowie die uns fremden Sterne des südlichen Sternenhimmels erkennen kann. Lichtverschmutzung ist hier ein Fremdwort.

Irgendwo in diesem dunklen Nichts verlassen wir die fest geschotterte Straße und fahren auf einer weniger gut befestigten Piste weiter; bergab und durch eine Flussfurt, dann wieder hinauf. Immer weiter hinauf. Deutlich langsamer als noch zuvor, denn der Zustand der Straße lässt keine Geschwindigkeiten über 30 km/h mehr zu. Irgendwo im Nirgendwo biegt unser Fahrer scheinbar wahllos rechts auch von dieser Straße ab. Nur ein paar wenige Reifenspuren kennzeichnen noch den Weg. „Da vorne steht die Straße unter Wasser“, meint er, „deshalb müssen wir einen kleinen Umweg machen.“ Schwer vorzustellen, dass hier – mitten in der Wüste – eine Straße unter Wasser stehen kann. Es gibt jedoch einige kleine Bäche und dieser eine hier, der Rio San Pedro führt derzeit offenbar mehr Wasser als gewöhnlich, was den Umweg erforderlich macht. Der Rio San Pedro versorgt die gleichnamige Stadt und die Oase mit Wasser.

Meterhohe Rauchsäulen

Meterhohe Rauchsäulen

 

Unser Ziel erreichen wir gegen sieben Uhr: das Geysirfeld von El Tatio. Auf gut 4.300 Metern Höhe, das ist von San Pedro de Atacama aus gesehen fast doppelt so hoch über dem Meeresspiegel, befindet sich im Krater dieses Vulkans das drittgröße Geysirfeld der Erde. Über 110 eruptierende Quellen gibt es hier, von denen 80 echte Geysire sind. Das sind mehr als 8% der weltweit existierenden Geysire überhaupt.
Bei Tagesanbruch ist El Tatio am beeindruckendsten, denn durch die klirrende Kälte von minus 20 Grad und das Eis, welches sich in der Nacht bildet, dampfen die Geysire in der Früh besonders stark. Das zutage tretende Wasser hat hier eine Temperatur von fast 90 Grad. Das ist der Grund dafür, weshalb die Touristen so tief in der Nacht aus den Betten geholt werden.
Die chilenische Regierung hatte einmal vor, dieses Gebiet geothermisch zu nutzen. Dazu ist es jedoch nie gekommen; nur ein paar bizarre Ruinen zeugen noch von den ersten Versuchen. Heute ist das Gebiet ein beliebtes Tagesausflugsziel von Touristen aus San Pedro de Atacama.

Das Gestein im Vulkankrater ist eher grau als das sonst vorherrschende Rot

Das Gestein im Vulkankrater ist eher grau als das sonst vorherrschende Rot

 

Wir verstreuen uns über das Gebiet – insgesamt ist es über 10 Quadratkilometer groß – und genießen das einmalige Spektakel. Überall zischt, blubbert und dampft es und ein kräftiger Schwefelgeruch liegt in der Luft. Das graue Gestein ist überzogen mit Eis, Salz- und Schwefelablagerungen und um jedes dampfende Erdloch haben sich rot schimmernde Algen angesiedelt.
Von einem Tanz auf dem Vulkan, wie ich es in der Überschrift formuliert habe, kann jedoch absolut keine Rede sein. Auf 4.300 Metern ist jeder Schritt ein Kraftakt. Noch dazu bin ich seit dem Vorabend gesundheitlich angeschlagen. Kurz bevor die Sonne über die Hügel klettert, treffen wir uns wieder am Auto. Unser Fahrer hat in der Zwischenzeit ein kleines Frühstück für uns gezaubert. Die wichtigste Zutat: heißer Coca-Tee. Eine echte Wohltat bei dieser Kälte.
Als dann die Sonne hinter den Hügeln aufsteigt – mittlerweile ist es etwa halb neun – wird es schlagartig warm und die Rauchsäulen beginnen mehr und mehr zu schrumpfen und auch das Eis am Boden taut schneller auf als noch zuvor. Im weiteren Verlauf des Vormittags umrunden wir das Geysirfeld und enden bei einem kleinen Badebecken, in dem man im Thermalwasser baden kann.

Es dampft und brodelt

Es dampft und brodelt

 

Gegen 11 Uhr – wir sind eine der letzten Gruppen, die El Tatio verlassen – sind die gewaltigen Rauchsäulen schon zu recht kleinen Rauchfahnen zusammengeschrumpft. Morgen früh wird das Spektakel von Neuem beginnen.
Im Hellen offenbart sich die bizarre Schönheit dieser Wüstenlandschaft. Durch die weitgehend flache Hochebene, über die wir fahren, ist die Entfernung der Berge – viele davon sind über 5.700 Meter hoch, aber keiner höher als 6.000 Meter – links und rechts nur schwer einzuschätzen. Wachsen tut hier nicht besonders viel; ein paar zähe Wüstengräser sprenkeln die Ebene, die durch ihre rote Farbe einer Marslandschaft gleicht.

Bizarre Marslandschaft

Bizarre Marslandschaft

 

Trotz der Ödnis ist diese Landschaft keinesfalls unbewohnt. Immer wieder sehen wir Vicunyas in der Nähe unseres Autos. Diese scheuen Wüstenbewohner sind Verwandte der Alpakas. In Südamerika gibt es vier Vertreter aus der Familie der Kamelartigen: die Gattung der Vicunyas mit den Arten Vicunya und Alpaka auf der einen Seite sowie die Gattung der Lamas mit den Arten Lama und Guanaco auf der anderen. Lamas und Alpakas sind in der heutigen Zeit überwiegend domestiziert, während Guanacos und Vicunyas überwiegend wildlebend sind. In der Atacama findet man hauptsächlich Alpakas und Vicunyas.

Vicunyas in action

Vicunyas in action

 

Zur Mittagszeit erreichen wir einige kleine Steinhäuser in der Nähe eines Stausees. Unser Fahrer meint, er kenne denjenigen, der hier lebt. Wir könnten bei ihm einkehren; er würde im nahe gelegenen Stausee frische truchas, Forellen, angeln. Das hört sich gut an! Doch im Moment ist der Einsiedler noch unterwegs. Zeit, sich ein wenig umzusehen.
Die Lehmhäuser sind mir schon auf dem Hinweg aufgefallen. Fast alle sind verfallen und verlassen. Gelblich-weiße Hügel und ein eindeutiger Geruch zeugen vom vergangenen Schwefel-Abbau, für den wohl Häuser und Stausee geschaffen wurden. In dieser Landschaft wirkt das alles etwas deplatziert; vom nächsten Ort sind wir mindestens 10 Kilometer entfernt.

Die alte Salpeter-/Schwefelgewinnungsanlage

Die alte Salpeter-/Schwefelgewinnungsanlage

 

Nach vielleicht einer Viertelstunde kommt der Eremit zurück – tatsächlich mit frisch gefangenen Forellen. Er bereitet sie direkt zu. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass das der beste Fisch ist, den ich jemals gegessen habe. Wir sind ganz offensichtlich nicht die ersten Besucher, die er hier empfängt: die Wände hängen voll mit Bildern von Gästen, die vor uns hier eingekehrt sind.

Alemania - Argentina - live im Wüstenradio

Alemania – Argentina – live im Wüstenradio

Und hier, in dieser Einöde, passiert es dann. Draußen, unter freiem Himmel steht ein Radio. Natürlich hat unser Gastgeber schon mitbekommen, dass wir Alemanes sind. Und wie es der Zufall so will, findet eben an diesem 30. Juni 2006 in Deutschland gerade das Fußball-WM-Spiel Deutschland – Argentinien statt. Die zwei Freunde sind natürlich für Argentinien, aber Deutschland spielt ja auch sehr gut, sagen sie. Ob aus Überzeugung oder Höflichkeit, lässt sich natürlich nicht feststellen.
Unser Gastgeber schaltet sein Radio ein. Dem Temperament des Kommentators zufolge müsste eigentlich alle zwei Minuten ein Tor fallen – auf beiden Seiten. Verstehen tue ich nur den Namen deutscher Fußballspieler, aber bei dieser enormen Sprechgeschwindigkeit des Kommentators hätten mir wohl Schul-Spanischkenntnisse auch nicht weitergeholfen.

Ich gehe noch einmal hinaus auf die Schwefelhalde, weil ich mir ein Stück Schwefel mitnehmen möchte. Es ist totenstill um mich herum; nur vom Radio hallt die gedämpfte Stimme des aufgeregten Kommentators herüber.
Die Situation ist so absurd, dass ich mir selbst klar machen muss, was hier eigentlich gerade geschieht. Und trotzdem kann ich es einfach nicht fassen: Ich stehe mitten in der Wüste, jede Spur von Zivilisation liegt hinter einem Bannkreis von zehn Kilometern – und mitten in dieser Wüste lausche ich einer Live-Übertragung des Fußballspiels Deutschland – Argentinien, welches bei mir daheim stattfindet. Auf spanisch. Auf einem Schwefelberg auf einer Hochebene, umgeben von zerklüfteten Felsen, Vulkankegeln und einem kleinen Stausee. In wohl noch immer mehr als 3.000 Metern Höhe.
Träume ich das? Die ganze Situation ist wirklich sehr surreal. Durch die Entfernung zum Haus klingt die Stimme des Kommentators gedämpft; der Schall verliert sich über der offenen Ebene; es ist fast windstill. Es hört sich an wie eine weit entfernte Traumstimme. Es erscheint mir alles so unwirklich. Wer glaubt mir das zu Hause bloß alles? Ich kann es ja selbst kaum glauben!

Das Haus des Eremiten

Das Haus des Eremiten

 

Bei der Weiterfahrt nehmen wir den Freund des Fahrers und dessen Hütehund ein Stück weit mit. In der Camioneta selbst ist kein Platz mehr, aber das macht nichts; die beiden machen es sich auf der Ladefläche bequem. Nach ein paar Kilometern treffen wir auf seine Alpaka-Herde und verabschieden uns von ihm.

Unser Passagier hat auf der offenen Rückbank Platz genommen

Unser Passagier hat auf der offenen Rückbank Platz genommen

 

Kurz darauf kommen wir durch das Dorf Machuca. Es ist recht bekannt für sein kleines Kirchlein, welches über dem Dorf geradezu an einem Hügel klebt. Im Umkreis von Machuca fließen fünf verschiedene größere und kleinere Gewässer zusammen. Der tiefste Punkt des Dorfes, die Furt durch den seeartig verbreiterten Rio San Pedro, die uns heute Morgen zu dem kleinen Umweg gezwungen hat, liegt auf ziemlich genau 4.000 Metern Höhe. Bis nach San Pedro geht es also nun noch 1.800 Meter hinab.

Die Alpaka-Herde des Eremiten

Die Alpaka-Herde des Eremiten

 

Die Häuser des kleinen Ortes ist in der regionaltypischen Bauweise ausgeführt. Die Wände werden aus Adobe-Ziegeln hergestellt, die Dächer mit Stroh bzw. Rohrgras gedeckt. Adobe ist die Bezeichnung für einfache, luftgetrocknete (also nicht gebrannte) Lehmziegeln. Der Beschaffenheit des Bodens, aus dem sie hergestellt werden, folgend, sind sie mehr rötlich als braun – und so sind es auch die Häuser. Einige Häuser werden zudem noch mit Lehm verputzt, dann ist die Ziegelstruktur nicht mehr zu erkennen. Nur in besonderen Fällen werden die Wände zusätzlich weiß gekalkt. Bei der Kirche in Machuca ist dies der Fall, ebenso bei jener in San Pedro de Atacama und den dortigen behördlichen Gebäuden wie der Polizeistation und dem Rathaus.

Adobe-Ziegel sind durchaus empfindlich gegen größere Mengen von Wasser, doch aufgrund der Tatsache, dass es in der Atacama-Wüste praktisch nicht regnet, stellt dieser Nachteil kein Problem dar. In der Tat gilt die Atacama als der trockenste Ort der Erde – die meisten Wetterstationen haben seit dem Beginn ihrer Aufzeichnungen nicht einen Tropfen Regen gemessen. Das ist im Übrigen auch der Grund dafür, weshalb europäische und amerikanische Forschungseinrichtungen gerade in dieser Gegend ihre Riesen-Teleskope bauen. Es git keinen Ort auf der Welt, an dem die Luft ganzjährig so klar ist wie in dieser Wüste, der aber dennoch verhältnismäßig gut zugägnlich ist.

Das kleine Dörfchen Machuca

Das kleine Dörfchen Machuca

 

Nass werden die Ziegel also nicht. Das entscheidende Argument für die Verwendung von Adobe-Ziegeln ist ihre Eigenschaft als Wärmespeicher. Tagsüber nehmen sie viel Wärme auf – im Haus bleibt es kühl – und geben diese nachts langsam wieder ab – im Haus bleibt es gegenüber der Umgebungstemperatur, die schnell unter Null Grad fallen kann, warm. Adobe-Ziegeln regulieren somit ganztägig die Raumtemperatur auf ein für Menschen angenehmes Niveau, während die Tagestemperatur um bis zu 60 Grad schwanken kann.

Auf dem weiteren Weg zurück nach San Pedro durchqueren wir eine schiefe Ebene mit seltsam verwitterten Gesteinen. Der Zahn der Zeit hat kugelförmige Löcher in den Stein gefressen, während die verbliebenen Oberflächen durch Wind und Sand glatt gescheuert wurden. Manche Steinformationen sehen aus wie versteinerte Wellenkämme im Moment des Brechens. Diese ausgesprochen bizarre Form der Verwitterung nennt man Tafoni. Die Löcher entstehen, weil der Stein von innen heraus erodiert, vermutlich durch Wasserverdunstung in kleinen und kleinsten Hohlräumen.

Es braucht nicht viel Wasser, um eine Grünoase entstehen zu lassen

Es braucht nicht viel Wasser, um eine Grünoase entstehen zu lassen

 

Am Ende dieser Ebene liegt die kleine Flussfurt, nach der die fest geschotterte Straße beginnt. Von dort aus sind es nur noch gut 20 Minuten bis nach San Pedro, wo wir nach der Ankunft erschöpft und müde in unsere Betten fallen und Siesta halten. Erst am späten Nachmittag kriechen wir wieder aus unseren Löchern. Es ist unser letzter Nachmittag in San Pedro. Wir schlendern noch einmal über die Caracoles, die Ladenstraße und ich kaufe ein paar Postkarten. Noch einmal erkundigen wir uns bei der Agentur und können aufatmen. Der Streik der bolivianischen Fahrer ist beendet; wir können die Grenze morgen überqueren.

Auf der morgigen Fahrt werden wir zum ersten Mal die 5.000-Meter-Marke knacken. Es steht uns eine Drei-Tages-Tour durch den Altiplano bevor, die am Salar de Uyuni, dem größten Salzsee der Erde, enden wird. Waren die letzten Tage schon spektakulär, so werden es die nächsten erst recht.

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Kategorien: 2006: Chile - Bolivien - Peru und Reisen.